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  • Der Zitronenzeisig

    Der Zitronenzeisig
    (Carduelis citrinella)
    am Abgrund: Dramatischer Rückgang im Schwarzwald und im Jura


    Der Zitronenzeisig (Carduelis citrinella) gehört zu den großen zoologischen Kostbarkeiten unseres Kontinents. Als eine der wenigen echten endemischen Vogelarten Europas ist sein weltweites Vorkommen auf die montanen und subalpinen Hochlagen Südwest- und Mitteleuropas beschränkt. Doch der kleine, hochspezialisierte Bergvogel befindet sich im globalen Sinkflug. Besonders dramatisch ist die Lage an seiner nördlichen Arealgrenze: Im Schwarzwald und im angrenzenden Jura stehen die Populationen vor dem endgültigen Erlöschen.

    Um dieser menschengemachten Biodiversitätskrise entgegenzuwirken, wurde ein beispielloses Rettungsprogramm ins Leben gerufen. Es verbindet erstmals Freilandforschung (in-situ) mit koordinierter Erhaltungszucht (ex-situ) unter der Schirmherrschaft führender Institutionen.


    Eine Spezies im Griff des globalen Wandels

    Der Zitronenzeisig ist ein ökologischer Extrem-Spezialist und von Natur aus hochgradig verwundbar. Er besiedelt eine eng begrenzte Höhenstufe von 1.000 bis 2.000 Metern ü. M. und benötigt lichte, halboffene Berglandschaften mit einem Mosaik aus Nadelgehölzen und artenreichen, mageren Bergweiden.

    Im Gegensatz zu anderen Finkenarten wie dem Erlenzeisig besitzt Carduelis citrinella rundere, kürzere Flügel und ist ein schlechter Kletterer. Um Samennahrung aufzunehmen, benötigt er stets einen festen, aufrechten Stand am Boden oder auf stabilen, tragfähigen Stängeln. Zwei Hauptfaktoren entziehen der Art im Schwarzwald und im Jura derzeit die Lebensgrundlage:

    1. Lebensraumverlust durch veränderte Landnutzung

    Die für den Zeisig lebenswichtige, kleinteilige und extensive Almwirtschaft verschwindet. Auf der einen Seite führt die Nutzungsintensivierung (Düngung mit Gülle, scharfe Waldkanten und monotone Mähweiden) dazu, dass niedrigwüchsige Korbblütler (Asteraceen) wie der Löwenzahn verschwinden. Auf der anderen Seite führt die Nutzungsaufgabe dazu, dass open Grenzertragsflächen unaufhaltsam zuwachsen oder aufgeforstet werden. Der halboffene Charakter der Landschaft geht verloren.

    2. Der Klimawandel und die ökologische Desynchronisation

    In den sensiblen Bergregionen führt die Erwärmung zu einer Verschiebung der Vegetationsperiode. Die energiereichen Samen der Bergkiefer (Pinus mugo), die für den Zeisig die überlebenswichtige Nahrungsgrundlage vom Herbst bis ins Frühjahr bilden, fallen durch Hitze und Trockenheit oft schon im Frühwinter komplett aus den Zapfen. Wenn die Vögel im Spätwinter aus den französischen Überwinterungsquartieren zurückkehren, finden sie keine Nahrung mehr vor, um die nötige Brutkondition aufzubauen.


    Der Kollaps der Schwarzwald- und Jura-Populationen

    Die statistischen Zahlen aus der jüngsten Publikation von Handschuh et al. (2023) verdeutlichen das katastrophale Ausmaß des Rückgangs:

    • Der Ist-Zustand: Um 1985 gab es im Schwarzwald noch rund 800 Brutpaare, die fast flächendeckend verbreitet waren.
    • Der Zusammenbruch: Bis zum Jahr 2021 ist dieser Bestand um schockierende 97,5 % kollabiert.
    • Der traurige Rest: Im mittleren und nördlichen Schwarzwald sowie im Jura ist der Zitronenzeisig als regelmäßiger Brutvogel bereits lokal erloschen. Im Südschwarzwald klammert sich eine winzige Restpopulation von nur noch ca. 20 Paaren an ihren verbliebenen Lebensraum.

    Die Entdeckung eines neuen Feindes: Die Kalkbeinräude

    Neben dem Nahrungsmangel deckte das ökologische Monitoring im Südschwarzwald eine erschreckende Entdeckung auf: Mindestens 20 bis 30 % der ausgewachsenen Zitronenzeisige leiden unter einer massiven Form der Knemidokoptiasis (Kalkbein- oder Schnabelräude).

    Diese durch die winzige Räudemilbe Knemidocoptes spec. verursachte Erkrankung führt zu extremen Hornwucherungen an den Beinen und am Schnabel. Da der Zitronenzeisig für die Nahrungssuche zwingend auf gesunde Füße und einen festen Stand angewiesen ist, hat die Krankheit fatale Folgen: Die Vögel kränkeln, verlieren ihre Fitness, können das Gefieder nicht mehr pflegen und verpassen den Anschluss beim Brutgeschehen. Unbehandelt führt die Infektion in der Wildbahn unweigerlich zum Tod.

    Wissenschaftlich gilt: Ein solcher parasitärer Befall ist meist eine Sekundärerscheinung. Er bricht dann aus, wenn das Immunsystem der Vögel durch Stress und chronischen Nahrungsmangel bereits im Vorfeld massiv geschwächt ist. Daten von Zugvogelstationen (wie dem Schweizer Col de Bretolet) zeigen, dass es sich hierbei um ein zunehmendes, arealweites Problem im gesamten Alpenraum handelt.


    Das Rettungsprogramm: Allianz aus in-situ und ex-situ Maßnahmen

    Um das endgültige Aussterben der Art in Deutschland abzuwenden, wurde im Frühjahr 2022 ein hochengagiertes Rettungsprogramm gestartet. Hier arbeiten der Nationalpark Schwarzwald, das Regierungspräsidium Freiburg (Höhere Naturschutzbehörde), der Zoologische Stadtgarten Karlsruhe (Artenschutzstiftung) und der Alpenzoo Innsbruck Hand in Hand. Die Strategie ruht auf zwei Säulen:

    In-situ: Notfallhilfe im Freiland

    • Zufütterung: An speziellen Stationen werden die verbliebenen Wildvögel mit hochwertigen Sämereien unterstützt, um die energetischen Lücken im Spätwinter zu schließen.
    • Biotoppflege: Durch das gezielte Abtragen von nährstoffreichem Oberboden werden künstliche Störstellen geschaffen, auf denen niedrigwüchsige, zugängliche Nahrungspflanzen neu gedeihen können.
    • Medizinische Behandlung: Wildfänge mit frühem Milbenbefall werden im Feld tierärztlich behandelt, um ihre Überlebenschancen und den Bruterfolg zu sichern.

    Ex-situ: Die Arche in Menschenobhut

    Individuen, die aufgrund schwerer, dauerhafter Milbenschäden in freier Wildbahn nachweislich nicht mehr überlebensfähig wären, werden mit behördlicher Ausnahmegenehmigung entnommen. Sie bilden im Zoo Karlsruhe und im Alpenzoo Innsbruck das Fundament für ein koordiniertes Erhaltungszuchtprogramm. Ziel ist der Aufbau einer genetisch gesunden Sicherheitspopulation in Menschenobhut, um langfristig Nachzuchten für gezielte Wiederansiedlungen und Bestandsstützungen bereitzustellen.


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    Der Schutz des Zitronenzeisigs ist ein Wettlauf gegen die Zeit, der nur durch die enge Verzahnung von behördlichem Naturschutz, Wissenschaft und der leidenschaftlichen Expertise von Fachzüchtern gelingen kann. Die wertvollen Erfahrungen aus Menschenobhut liefern wichtige Erkenntnisse über die Ernährung, die Krankheitsbekämpfung und das Verhalten dieser bedrohten Endemiten.

    • Du hältst oder züchtest selbst Cardueliden oder hast historische Daten zum Zitronenzeisig?
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    (Wissenschaftliche Quelle für diesen Bericht: Handschuh M. et al. (2023): „Verbindung von in-situ und ex-situ Maßnahmen zum Schutz des Zitronenzeisigs Carduelis citrinella, einem endemischen Bergvogel im globalen Sinkflug“, erschienen in: Vogelwarte 61, 27–45).Zum Artikel von Esther Del Val Alfaro, Markus Handschuh, Dr. Marc Förschler.
    Nationalpark Schwarzwald